Wo steht die Bremer Innenstadt in Zukunft?

Innenstadtentwicklung Bremen – eine ehrliche Betrachtung

Wie steht es um die Bremer Innenstadt und wo sehen wir sie in ein paar Jahrzehnten? Das ist die Fragestellung, die derzeit in verschiedenen Gremien, aber auch in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Aber schauen wir zunächst in die Vergangenheit. Früher, vor etwa 30 Jahren, waren die Stadtzentren ein Einkaufsort für Menschen aus der Stadt, aber auch vom Land. Je nach Stadtgröße kamen so Einzugsgebiete von bis zu 50 km zusammen. Der Grund hierfür war einfach, es gab keine Alternativen zum Branchenmix, den die Innenstädte boten. Wer also seine Einkäufe möglichst auf einmal erledigen wollte, kam nicht umher in die nächste Stadt zu fahren; viele davon bequem mit dem Auto in eines der Parkhäuser oder wie in Bremen auf die Bürgerweide.

Die Entwicklung schreitet voran, der Verkehr in der Innenstadt nimmt zu, Parkplätze werden seltener oder teurer. Daraus ergibt sich die Suche nach Alternativen. Neben der Renaissance des Versandhandel und dessen Verlagerung ins Internet haben sich Einkaufszentren am Stadtrand etabliert. Sie bieten einen ähnlichen Branchenmix wie die Innenstädte und kostenlose Parkplätze, wenngleich sie oftmals auch den Charme und die Zweckmäßigkeit von Bahnhofshallen ausstrahlen. Käufer stimmen mit den Füßen ab und entscheiden sich für die überdachte Alternative am Stadtrand. Innenstädte müssen sich neu erfinden und verändern sich.

Die Frage ist nun, wie kann diese Veränderung langfristig aussehen und wohin soll sich eine Innenstadt entwickeln? Ein Ort zum Wohnen und Leben soll es sein, sagen die einen. Wer wohnt denn gerne in einer Häuserwüste? Es fällt schwer diesen Gedanken nachzuvollziehen. Ist es nicht vielmehr so, dass Menschen gerne in einer Stadt wohnen, weil sie einen Mix aus Geschäften, Restaurants und Arbeitsmöglichkeiten finden? Das bedeutet, die Stadt ist ein Mittelpunkt für viele Menschen – die, die dort wohnen sind der kleinste Teil. Wenn wir nun die Geschäfte herausnehmen, weil sie nur noch für die erreichbar sind, die dort wohnen, werden die Geschäfte – wie bereits geschehen – weniger werden. Der Mix wird sich verändern und langfristig wird es nur noch wenige Geschäfte geben. Die Einkaufszentren und der Internethandel werden langfristig dominieren, weil die Kunden den bequemen Weg suchen. Vermutlich wird es sogar für viele Bürogebäude unattraktiver werden, weil sie sich in Bürozentren besser vernetzen können, als in einer Innenstadt. Es bleiben Wohnhäuser und Behörden.

Ist das die Stadt der Zukunft? Wer betreibt denn ein Restaurant dort, wo nur Menschen wohnen und niemand arbeitet? Wer kann sich die Kosten einer Innenstadtlage leisten, wenn sein Betrieb nicht ausgelastet ist? Eine interessante Fragestellung, wenn man mal zu Ende denkt, was passiert, wenn die überregionale Kaufkraft verschwindet und Menschen so aus der Stadt ferngehalten werden. Wie sieht die Alternative aus? Mal angenommen, wir gehen die Entwicklung der Innenstadt anders an, als es derzeit diskutiert wird. Wir beginnen damit die Stadt von morgen zu planen, als gäbe es sie noch nicht. Wie würden wir beginnen, wenn es unser langfristiges Ziel ist, die Innenstadt zu erhalten und zukunftssicher aufzustellen? Erreichbarkeiten sicherstellen. Eine Stadt mit über 500.000 Einwohner benötigt ein leistungsfähiges Verkehrssystem. Wenn es unser langfristiges Ziel ist, den Kraftfahrzeugverkehr auf ein Minimum zu reduzieren, müssen wir Alternativen bieten, die sehr attraktiv sind. Hierzu gehört eine Schnellbahn, die äußere Bezirke mit der Innenstadt verbindet. Idealerweise verkehrt diese Schnellbahn im Innenstadtbereich teilweise unterirdisch. Ergänzt wird diese Schnellbahn von kurzen Buslinien mit enger Taktung in den innerstädtischen Bezirken und normaler Taktung in den Außenbezirken. Eine Straßenbahn mit langen Linienverläufen schließt die Lücke zwischen Schnellbahn und Bussen. Auch hier benötigen wir eine schnelle Taktung. An strategischen Stellen – mit höchstens 10 Minuten Fahrzeit – schaffen wir Parkplätze, an denen Menschen aus dem Umland in die Schnellbahn umsteigen können. Für zumindest diese Kunden muss die Nutzung der Schnellbahn kostenlos sein, wenn sie einen gewissen Mindestumsatz erzielen. Für Bremer Bürger ist eine kostenlose Nutzung des ÖPNV anzustreben. Wie werden sich dann die Konsumenten entscheiden?

Bremer, die ein extrem leistungsfähiges Verkehrssystem praktisch kostenlos nutzen können, würden ihr Auto vermutlich für einen Innenstadtbesuch zuhause stehen lassen. Menschen aus dem Umland würden bei einer Zeitersparnis von bis zu 20 Minuten zumindest eine attraktive P+R-Alternative angeboten bekommen und oftmals die gewünschte Entscheidung treffen. Die Folge wäre eine massive Entlastung des Innenstadtverkehrs. Verbunden mit attraktiven Aufenthaltsbereichen, insbesondere an der Weser hätte die Innenstadt langfristig deutlich mehr zu bieten, als das Einkaufszentrum auf der Wiese. Nach etwa 20-30 Jahren und nach abgeschlossener Umsetzung aller Maßnahmen gäbe es wahrscheinlich kaum noch Bedarf mit Kraftfahrzeugen in die Innenstadt zu fahren. Lieferfahrzeuge und ÖPNV könnten sich dann deutlich kleinere Straßen teilen, ohne dass hierdurch Staus entstehen. Das Ziel einer autoarmen Innenstadt wäre also zu erreichen ohne dass der Handel stirbt. Die Attraktivität der Innenstadt würde gesteigert.

Leider haben wir keine Innenstadt, die bereits über einen leistungsfähigen ÖPNV verfügt. Daher kann die Lösung nicht sein, dass man damit beginnt Straßen zurückzubauen und Verkehre zu verbieten. Es würde dazu führen, dass immer mehr Konsumenten der Innenstadt den Rücken zukehren. Langfristig würde die Innenstadt zwar an Aufenthaltsqualität gewinnen, jedoch durch den Wegzug der Geschäfte viel mehr Attraktivität verlieren. Seien wir ehrlich zu uns, niemand zieht irgendwo hin, nur weil er dort über 100 Nachbarn hat, anstelle von zwei.

Eine Schnellbahn (U-Bahn) und ein leistungsfähiger ÖPNV kosten viel Geld und benötigen zur Umsetzung viel Zeit. Hätten wir, wie andere Städte vergleichbarer Größe (Stuttgart, Nürnberg, Hannover, etc.), bereits vor Jahrzehnten damit begonnen eine U-Bahn zu bauen, wären wir dem Ziel einer autoarmen Innenstadt näher. Nun ist es höchste Zeit Bremen für die Zukunft aufzustellen. Die Reihenfolge kann nur sein, attraktive Alternativen für das Auto zu schaffen und die Verkehrswende damit nachhaltig voranzutreiben. Ein Projekt für mindestens 30 Jahre, aber ein Projekt, das sich für Bremen lohnen wird.

Achim Boot,
stellvertretender Vorsitzender Haus & Grund Bremen-Nord e.V.

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